Herzlich willkommen im mittleren Alterssegment

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Neulich war ich bei der alljährlich immer wieder vor mir hergeschobenen zahnärztlichen Routineuntersuchung. Mit fröhlich naivem Erwartungsmanagement kam ich zur letztmöglichen Sprechstunde. Vom Regen durchnässt aber mit trockenem Humor stellte ich mich vor und witzelte noch, dass ich ja in drei Minuten wieder gehen und die freundliche Sprechstundenhilfe früher Feierabend machen könne. Auch die Zahnärztin verfiel zunächst meinem dental gesunden Charme bis sie plötzlich anfing mit ihrem kratzenden Werkzeug unangenehm tief zu schürfen. Herzlichen Glückwunsch! Sie haben nach 40 Jahren strahlender Gesundheit deutlichen Hinweis auf fortgeschrittenen Karies. Ansonsten sei meine Mundflora durchaus stabil und man habe nichts an meiner Zahnpflege auszusetzen. Ich bin jetzt also alt, mein Körper verliert an Kraft, die ersten grauen Haare erscheinen an den Seiten und auf dem Kopf verliert sich zusehends die dunkelblonde Pracht. Die Schilde stehen nur noch bei 60 % und ich werde zum ersten Mal in meinem Leben spüren dürfen, was Millionen Patienten vor mir bereits als integralen Bestandteil ihres Alltags erleben: Zwei meiner bisher so verlässlich gesunden Zähne werden im neuen Jahre gebohrt und geblombt. Neben dem körperlichen Verfall spürt man mit 40 auch die soziale Neuorientierung: Herzlich willkommen im mittleren Alterssegment! Konnte ich noch letztes Jahr in gemütlich jugendlicher Runde gemeinsam mit meinen Altersgenossen Einigkeit darüber erzielen, für welche neuen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner wir stimmen wollen, so muss ich jetzt im rauen Klima des mittleren Alterssegments neue Netzwerke knüpfen, mich neuen Machtkonstellationen stellen und meinen sozialen Platz im Mehrgenerationenhaus ganz neu bestimmen. Was früher als geselliger Abend auf Augenhöhe stattfand muss jetzt schon als intergenerationaler Dialog gewertet werden. Konnte ich früher interessiert dem medialen Handeln der Kinder beiwohnen, muss heute der Austausch über Mediengewohnheiten als freiwilliges Engagement der Jugend gelten, Senioren die digitale Welt näher zu bringen.

forever

Selbstverständlich habe ich trotzdem gefeiert. Als erneuten Versuch den Abgesang meiner Jugend als rauschendes Retrofest zu inszenieren. Selbstveständlich waren auch alle Mitbewohnerinnen und Mitbewohner eingeladen im geschmückten Gemeinschaftsraum nach den Rhythmen der 80er Jahre zu tanzen. 40 soll ja angeblich das neue 30 sein. Mir kommt’s eher wie der Anfang vom Ende vor, aber ich bin ja auch kein Supermodel mit eigener Fernsehshow. Andererseits – und das ist natürlich der große Vorteil des Mehrgenerationenhauses – hier gibt’s viele, die dieselbe Erfahrung schon vor vielen Jahren machen durften und mir tagtäglich zeigen, wie man sogar den Übergang ins dritte Alterssegment mit fröhlicher Leichtigkeit genießen kann. Ich bin zumindest mal gespannt 😉

Der Verein

„Wohnen mit Alt und Jung e.V.“ ist ein gemeinnütziger Verein, der seine Idee einer generationsübergreifenden Hausgemeinschaft in die Tat umgesetzt hat. Der Verein zählt zur Zeit 43 Mitglieder. Beinahe alle wohnen im Mehrgenerationenhaus im Kölner Stadtteil Neu-Ehrenfeld und bilden eine aktive Hausgemeinschaft.

Wer wir sind

Wir – das sind 26 Erwachsene und zwölf Kinder, die ganz unterschiedliche und individuelle Lebenswege zu “Wohnen mit Alt und Jung” (WAJ) geführt haben.

WAJ
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